Die Zeiten als Gewerkschaftsführer waren auch schonmal besser. Damals, als das Volk noch Arbeit hatte, die Menschen organisiert waren und nicht so viele Fragen über den Sinn oder Unsinn der Tätigkeiten gestellt haben. Heute ist alles irgendwie anders. Mit jeder Lohnerhöhung müssen ein paar Arbeitnehmer gehen, Lohnrunden werden zu Marathonen, die Kassen sind leer, Arbeitsgeber geben sich starrköpfig und die Basis ist entnervt, weil die Mülltonnen nicht geleert werden.
Da kann man fast froh sein, dass einmal im Jahr, immer am 1. Mai, dem Tag der Arbeit doch irgendwie alles wieder gut wird. Die Basis geht auf die Straße um gegen Mißstände zu protestieren, endlich haben Gewerkschaftsführer auch wieder Zuhörer und dürfen sich als Anführer einer größeren Menschenansammlung in den Medien präsentieren.
Damit auch nix schiefgehen kann, fand die zentrale Maikundgebung diesmal in Wolfsburg statt. Eben jener Heilen Welt, die noch um die Errungenschaft der 28,8 Stundenwoche bei 4 Tage Arbeit fürchtet, während das restliche Land schon deutliche Einschränkungen hinter sich hat.
Themen wie Einführung der Reichensteuer, Schluss mit Einfrieren der Arbeitgeberkassenbeiträge und Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre kommen überall und nicht nur in Wolfsburg gut an – Massen lassen sich damit aber nicht begeistern. Wer keine Arbeit hat, weil es einfach keine Möglichkeit der Beschäftigung gibt, wird sich weder mit Rentenalter noch Krankenkassenbeiträgen mobilisieren lassen. Bis zu den Gewerkschaften hat sich das scheinbar noch nicht herumgesprochen.
Deshalb: Liebe Gewerkschaftsführer. Falls zwischen Steueranhebungswünschen und Blockadepolitik ganz zufällig ein konstruktiver Vorschlag zur Verbesserung der Nachfrage nach Arbeitskräften entstehen sollte, zögern sie nicht, lassen sie die Welt auch davon wissen.
Bis es soweit ist, wird die Welt sich weiterdrehen und noch flexibler, noch kurzlebiger werden. Auch Arbeitnehmerorganisationen werden sich dieser Entwicklung nicht verschliessen können – Flexibilität tut Not und bis zur ersten globalen Gewerkschaft ist es noch ein weiter Weg.

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