Während in Berlin in diesen Tagen ein erstaunliches Maß an Freude über das Zustandekommen der Gesundheitsreform herrscht, leiten die Hauptakteure mit lautem Getöse direkt in das nächste Koalitionsungemach ein. Darüber gehen wie so oft Dinge, die vielleicht von mindestens ebenso großer Bedeutung sind in den Hintergrund.
Da wird über Prozente gestritten, während ein jetzt wieder in Freiheit befindlicher, deutsch-türkisch stämmiger ehemals Guantanamo Häftling von Misshandlungen durch deutsche Soldaten berichtet. Da beschließt die EU, dass ab sofort bis zu 34 Personen spezifischen Daten, die über einen Fluggast bekannt sind auch den amerikanischen Behörden zugänglich gemacht werden müssen und findet diese Idee so gut, dass sie auch gleich für Europa gestaltet und übernommen werden soll.
Beide Vorgänge sollten eigentlich für sich genommen zu einem kurzen Aufschrei in Politik und Gesellschaft führen. Wie so oft in diesen Tagen, lenkt man sich lieber mit sinnfreien Umgestaltungen eines in sich nicht schlüssigen Systems ab, um die Grundwerte unseres internationalen Zusammenlebens nicht thematisieren zu müssen. Natürlich ist es wichtig ein funktionierendes Gesundheitssystem zu haben, niemand möchte britische Verhältnisse. Das Reformwerk lässt aber keinen Schluss zu, was wirklich in Zukunft mit dem Gesundheitswesen passieren soll. Daher kann eigentlich nur die Lösung sein: Abhaken, wichtigeren Themen widmen.
Wie kann eine Gesellschaft, die sich so sehr um Kranke und Gerechtigkeit über verschiedene Bevölkerungsgruppen definiert hinnehmen, dass Angehörige des deutschen Militärs möglicherweise außerhalb jedes rechtstaatlichen Gebarens Gefangene misshalndeln? Wie kann es sein, dass die EU beschließen kann, dass von der Telefonnummer über die Kreditkarten Nummer, der Sitzplatz im Flugzeug und der Miles an More Punkte Daten weitergegeben werden müssen, ohne, dass jemand dafür Rechenschaft ablegen muss, was damit geprüft werden soll? Oder sogar noch schlimmer, ohne, dass sich jemand zu erkennen geben muss, der diese Daten erhält?
Sicherlich. Alles dient dem Schutz der Sicherheit. Was aber, wenn Terroristen künftig mit dem Auto anreisen, oder gar Zug fahren? Keiner der europäischen Anschläge hätte durch diese Maßnahmen verhindert werden können. Vielleicht sogar keiner der Anschläge auf amerikanischem Boden.
Was wird uns die Zukunft bringen? Ist man als Deutscher mit Migrationshintergrund demnächst potentiell verdächtig, nur deshalb, weil nach dem Flug zur Familie noch ein Urlaub an der türkischen Küste angehängt wird und der Arbeitgeber einen danach nach Asien zu einem Meeting schickt? Kommen dann wieder Angehörige einer deutschen Behörde und führen eine Vernehmung durch?
Wie lange wollen Deutsche, wie auch die europäische Politiker noch mit Big Brother an einem Strang ziehen? Eigentlich wächst doch die Welt durch die Globalisierung zusammen, der Weg in eine positive Zukunft kann nur Offenheit gegenüber anderen bedeuten, dass es dabei zu verletzten Gefühlen und Missverständnissen kommen wird ist logisch und leider notwendig, da menschlich. Zusammen leben bedeutet eben auch sich mit anderen, wohlgemerkt friedlich, auseinanderzusetzen. Abschottung aus Angst führt zu Misstrauen und Rückstand – da sind sich Nordkorea und die USA manchmal näher als zu glauben ist.

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